Schön, die Nachbarschaft wächst!

Der Bürgermeister ruft und viele folgen. Worum geht es? Eine „neue“ Landesunterkunft für Asylbewerber wird eingerichtet. Zum 1.4. werden die ersten neuen Bewohner erwartet und dementsprechend waren die besorgten Bürger nicht weit, die zur öffentlichen Informationsveranstaltung auch kamen.

Üblicherweise sehen solche Veranstaltungen immer gleich aus. Draußen vor Beginn stehen die üblichen Menschen vor der Tür und fragen noch, ihre Kippe weg schnippend, nach, ob dort der kirchliche Gemeindesaal ist, indem man den Verlust der eigenen christlich-abendländischen Werte befürchtet, weil man die auf dem Podium stehende Frau nicht für stark genug hält die Massen allein reisender männlicher Asylbewerber unter Kontrolle zu halten. Ja, hier treffen Vorurteile aufeinander.

*DING* …and in the left corner…

Da haben wir auf der einen Seite die Menschen, die einfach hetzen wollen. Gleich zu Beginn sind einzelne Stimmen laut geworden, die schon gleich Vorverurteilungen mit sich brachten. Zusammenhänge mit kürzlich geschehenen Vorgängen werden gleich Menschen vorgeworfen, die am heutigen Tag noch nicht einmal wissen, ob sie überhaupt dieser Einrichtung zugewiesen werden. Fragen werden gleich mehrfach gestellt, die kurz zuvor nicht beantwortet wurden, da sie eben nicht beantwortet werden konnten. Aber dieses muss wohl unsere hochintelligente und fortschrittliche Gesellschaft aushalten, dass es auch solche Menschen gibt.
Spaß beiseite, aber muss man wirklich mehrfach die gleichen Fragen stellen, ob z.B. vorherzusehen ist, was die Menschen, die schlussendlich nach Marl kommen (müssen), nun können (fachlich) oder wie sie sprachlich vorgebildet sind? Sind es nur Männer oder die allgemein befürchteten „Wirtschaftsflüchtlinge“? Welche Nationalität haben die Bewohner? Wird die Kriminalität im Viertel steigen? Das Schlimmste wird auch noch befürchtet: Der Immobilienpreis.

„Versuchen sie mal jetzt ein Haus hier zu verkaufen!“

Das erscheint die Höchststrafe eines jeden Hausbesitzers zu sein. Ich persönlich frage mich, ob nicht allein die Tatsache, dass eine Flüchtlingsunterkunft in der Nähe einen Preisrückgang mit sich zieht, schon rassistisch ist. Aber dieses steht auf einem anderen Blatt.
Da sind dann auch die vielen Straftaten, die im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften geschehen. Schließlich steht ja „jeden Tag“ etwas darüber in der Zeitung. Genau in dieser blättere ich „jeden Tag“ auch herum und ja, da stehen die ein oder anderen Straftaten drin. Wie auch schon in den vielen tausenden Zeitungen davor. Ja, Menschen sind nicht perfekt und einige sind sogar gefährlich. Das war schon immer so und wird sich vermutlich auch nicht so schnell ändern. Das wird auch in einer Flüchtlingsunterkunft nicht anders sein.
So wurde aus einer E-Mail „die rum geht“ zitiert, dass es laut Polizei im Umkreis von Flüchtlingsunterkünften mehr Straftaten als üblich gäbe. Mir kommen bei einer solchen Aussage gleich mehrere neue Fragen auf:
Sind ausschließlich Flüchtlinge die Täter oder werden auch Anschläge auf solche Heime, Pöbeleien oder gar „Straftaten“, die nur Flüchtlinge begehen können, wie z.B. Verstöße gegen die Residenzpflicht aufgezählt?
Und: Ist eine „E-Mail, die rum geht“ eine sichere Quelle für solche Aussagen?
Ich kann mir denken, dass eine E-Mail, die zwischen Potenzpillen- und Kreditangeboten im Posteingang landet, nicht unbedingt glaubwürdig genug ist. Zumal auch die offiziellen Berichte über die Entwicklung von Straftaten eine andere Sprache sprechen. Nämlich einen allgemeinen Rückgang und das trotz einem Anstieg von rechts-motivierter Kriminalität. Da schließt sich auch der Kreis zum Immobilienpreis. Denn meiner Meinung nach könnte sich so ein Hakenkreuz auf der Wand eines Einfamilienhauses negativ auf den Kaufpreis auswirken.

Neue Nachbarn

Zum Glück sind das nur einige wenige Gedanken, die vor Ort geäußert wurden. Dem Großteil der Anwesenden war schon eine positive Gesinnung anzusehen. Am treffendsten hat das der gastgebende Pfarrer der St. Josef Gemeinde bei der Begrüßung zusammengefasst. Er sprach von seinen ersten Gedanken, die er hatte, nachdem er von der Neubelegung des Kreisgesundheitsamtes erfahren hat, das ca. 30 m Luftlinie vom Pfarrhaus entfernt liegt: „Schön, die Nachbarschaft wächst!“

Das Zeichen 314 (oder 315) mit Zusatzzeichen 1044-10

Das sagt Ihnen nichts? Nicht schlimm, diese Zahlen musste ich auch vorher nachschlagen. Außer Sie gehören zur Polizei, anderen Ordnungsbehörden oder sind einer der aufmerksamen Bürger, die es nicht lassen können Menschen irgendwelche Vergehen vorzuwerfen.

Der ein oder andere hat es vielleicht schon nachgeschlagen oder weiß es gleich: Hier geht es um den „Behindertenparkplatz“. Eine Besonderheit unter den Parkplätzen, denn kein anderer Parkplatz sorgt wohl für mehr Ärger und Unmut als dieser.

„Ihren Ausweis, bitte!“

Jeder Besitzer eines Führerscheins sollte es wissen. An Parkplätzen, die diese Zeichen tragen, darf man nicht „einfach so“ parken. Dies ist nur Fahrzeugen gestattet, die einen speziellen Parkausweis mitführen und dessen Eigentümer am Parkvorgang beteiligt ist. Diesen bekommt man auch nicht „einfach so“, sondern nur auf Antrag und man muss beim örtlichen Versorgungsamt entsprechende Nachweise vorlegen. Ein Schwerbehindertenausweis (umgangsprachlich „Schwebi“) alleine reicht nicht.

„Da parkt ja schon wieder einer!“

Diese Parkplätze sind Menschen mit Behinderungen vorbehalten, das versteht jeder. Was aber nicht jeder weiß, ist, wer denn nun genau eine solche Berechtigung besitzen darf und warum. Wer es genauer wissen will, kann gerne SGB IX, X, die StVO und die StVZO durchblättern. Vereinfacht heißt das: Menschen, die das Merkmal „aG“ (außergewöhnlich Gehbehindert) auf ihrem „Schwebi“ haben. Das leuchtet auch jedem ein. Dass auch andere Merkmale eine Berechtigung bekommen, ist oftmals nicht klar, was ich immer wieder auf der Straße mitbekomme.

„Kein Rollstuhl – Kein Parkplatz!“ Willkommen in Soest

Meine Freundin ist Besitzerin eines solchen Parkausweises. Aus verschiedenen Gründen besitzt sie die Berechtigung eines solchen Ausweises auch ohne Rollstuhl und dem Merkmal „aG“. Mit dem Wissen einen solchen Parkplatz nutzen zu dürfen fuhr ich als Fahrer (meine Freundin darf das Fahrzeug nicht führen) auf den Parkplatz. Direkt nach dem Aussteigen kam schon der erste Zuruf von einer Dame auf der anderen Strassenseite: „Das ist ein Behindertenparkplatz!“ , das ich dann mit „Danke, ich weiß!“ beantwortet habe.
Allein das müsste reichen, denn der Ausweis lag sichtbar auf dem Armaturenbrett. „Da dürfen nur wirklich Behinderte parken!“, kam dann wieder zurück. Was kann man da entgegnen, außer einem „Ja, ich weiß!“. Wütend ging sie dann in die Postfiliale hinein und schaute sich aus dem Gebäude heraus dann an, wie ich meiner Freundin dann aus dem Wagen half und sie zu unserem Bestimmungsort, dem Rathaus der Stadt Soest, be- und geleitet habe. Eine Bitte um Entschuldigung blieb aus.
Dies ist nur eines der Beispiele zu einem Fehlverhalten, die am Rande solcher Parkplätze geschehen. Im Internet kursieren seit kurzem auch Videos mit blau angestrichenen oder mit Post-It beklebten Autos, die (vermutlich) fälschlicherweise auf Behindertenparkplätzen stehen. Dass hier sehr übertrieben reagiert wird, braucht man wohl nicht extra erwähnen. Wenn man einen solchen „Falschparker“ entdeckt, dann ruft doch einfach bei den örtlichen Ordnungsbehörden an. Die sollten sich damit auskennen und reagieren auch normalerweise besser.

Demnächst auch in Marl

Vielleicht wäre auch eine Schulung der Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Stadt Marl eine feine Sache. So ist es zwar positiv zu bewerten, dass ein Fahrzeug, das im Beisein des Ordnungsamtes sich in eine schmale Lücke auf dem Behindertenparkplatz des dortigen Rathauses „quetscht“ mal genauer anzuschauen, aber dann sollte man sich schon in den Vorschriften auskennen. So hat er sich den „Schwebi“ meiner Freundin geben lassen. Danach auch noch den Parkausweis, der auf der Rückseite die Daten des Besitzers angibt und damit die Berechtigung i.V.m. dem „Schwebi“ hergibt. Eigentlich. Denn, da das Merkmal „aG“ fehlte, bezweifelte er die Parkberechtgung.

Nun, liebes Ordnungsamt, hier zweifle ich eher die Kompetenz eures Mitarbeiters an. Schon allein nach der Geschichte, die Anfang Februar durch Presse und Fernsehen ging, bei der eine Marlerin nach einer Beinamputation keine solche Berechtigung erhält, da ihr Schwerbehindertenausweis nicht die notwendigen Merkmale enthielten (Stand Februar), sollte allen inzwischen klar sein, dass das Versorgungsamt in Recklinghausen nicht „einfach so“ Parkausweise erteilt. Selbst wenn man die Vorschriften nicht auswendig kennt, darf man auch mal dem Ausweis „vertrauen“. Die Fahrzeuge links und rechts neben uns waren übrigens auch nach dem Termin im Rathaus noch da. Ohne Parkausweis oder Strafzettel.

„Was soll das jetzt?“,

wird sich der ein oder andere schon gefragt haben. Ich sage es hier:
Bleibt bitte besonnen, auch bei den vermeintlichen Falschparkern!
Menschen mit Behinderungen haben es im Leben schon schwer genug, so braucht es nicht, dass man sich denen oder deren Begleitpersonen entgegenstellt und sie zwingt die jeweiligen Behinderungen unbeteiligten Passanten preisgeben zu müssen.
Steht ein Fahrzeug falsch, meldet es! Nicht mehr – nicht weniger.
Auch wenn es schwer fällt und man inzwischen glaubt, dass gut ¾ derjenigen, die auf einem Behindertenparkplatz stehen, das nicht dürfen, sind wir (ja, auch ich!) nicht diejenigen, die sich darum zu kümmern haben. Denn das kann schnell schief gehen.
So ist jedem geholfen!

Arbeitslos vs. Erwerbslos – Gastbeitrag Hélder Aguiar

Nach der Mitteilung des BA für Arbeit und Soziales den Arbeitslosengeld II-Satz für Alleinstehende um 5 Euro zu erhöhen, meldeten sich wieder CDU-nahe Wirtschaftsvertreter zu Wort und nannten diese ein „Anreiz zur Nichtarbeit“.

Dass Arbeitslosengeld II ein Anreiz zur Nichtarbeit sei, ist absolut bei den Haaren herbeigezogen. Eine solche Aussage dient schließlich nur der Polemik. Nur muss man hier wohl das Wort „Arbeit“ erst definieren. Zumal z.B. eine alleinerziehende Mutter sicherlich nicht arbeitslos ist, maximal erwebslos. Gerade da sieht man auch, dass diese Leistungen nicht ausreichen um sich „auf die faule Haut“ zu legen, da sich trotz der vielen Arbeit im eigenen Haushalt viele für eine Erwerbstätigkeit (oft prekär) entscheiden, um so auch mal den Kindern (nicht sich selbst) mal ein Nutellabrot zu gönnen.
Was ist mit den vielen Menschen, die ehrenamtlich Alten, Kindern, Schwachen und Bedürftigen helfen? Ist das keine Arbeit? Menschen, die ihre Eltern pflegen, Kinder erziehen, Trainer in verschiedener Sportvereinen, Theatergruppen und ehrenamtlichen Hausaufgabenhilfen. Oder aktuell auch vermehrt in der Flüchtlingshilfe. Das sind alles Menschen, die sich für ihre Tätigkeit inzwischen sogar mehr rechtfertigen müssen, als Menschen, die ohne oder mit geringer Gegenleistung Jahresgehälter in sechsstelliger Höhe erhalten. Denn schon lange ist das Einkommen nicht an der eigenen Leistung gekoppelt. Obendrauf werden in Zeiten klammer Kassen immer lauter nach ehrenamtlichen Helfern in verschiedensten Stellen gerufen. Es geht sogar soweit, dass man als ALGII-Empfänger sogar seine ehrenamtlichen Tätigkeiten, die oft eine Erfüllung der eigenen Wertschätzung bedeuten, für einen Job eintauschen muss, den man nicht machen will (oder kann), da sonst Sanktionen drohen, die in einem aktuellen Fall sogar jemanden zum Hungern zwingt.
Noch offen ist auch die Frage, wie viele Menschen im Kreis Recklinghausen durch Verzögerungen im Antragsverfahren oder Sanktionen ihre Wohnung verloren haben. Nicht wenige davon wurden auch sicherlich obdachlos. Aber das ist hier ja nicht gefragt.

Arbeit ist genug da, nur bezahlt werden sollte diese auch. Und wenn es über dem Umweg ALG-II geht. Meine Frage dazu wäre: „Was würden Sie tun, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?“. Diese kommt nun nicht von mir, sondern von der Initiative Grundeinkommen. Eine immer besser passende Idee, wie ich finde. Hier wird mal umgekehrt gedacht. Denn was für ein Potential steckt z.B. in den hier genannten 36.500 Menschen im Kreis? Sind diese tatsächlich langzeitarbeitslos oder doch eher -erwerbslos?

Ich möchte kein Zigeunerschnitzel

Sehr geehrter Herr Nahler,

Sie schreiben in Ihrem Leserbrief von einer (Fehl-)Entwicklung der deutschen Sprache. Ja, diese Annahme teile ich, aber wohl nicht in dem Sinne wie Sie.

Denn nein, ich möchte kein Zigeunerschnitzel, Negerkuss oder andere versteckt (oder teilweise offen) rassistische oder diskriminierende Lebensmittel. Dabei geht es hier am wenigsten um das Gericht als vielmehr um den Namen.

Die Fehlentwicklung der Sprache, wie Sie es vermeintlich meinen, fand daher schon vor meiner, vielleicht sogar vor Ihrer Zeit statt und ist zeitgleich mit einer offenen Diskriminierung im Alltag entstanden. Dieses haben schließlich in dieser Zeit auch die Menschen zu spüren bekommen, denen dann auch Hass und Intoleranz entgegensprang.

Wer aber solche Bezeichnungen für bestimmte Gerichte für besonders schützenswert empfindet, sollte sich lieber selber mal die Frage stellen, ob es sich wirklich lohnt. Denn da fallen jedem sicher bessere Beispiele ein, die sprachlich erhalten bleiben sollten.

Ihr Brief zeigt mir allerdings, dass sie rein gar nichts aus dem Sinn der gewollten Umbenennung verstehen wollen und lieber latenten Rassismus und Diskriminierung weiterleben oder gar als Teil der Kultur erhalten möchten, als eine Umstellung einzelner Gerichte in Kauf zu nehmen. Die Gerichte werden sicher nicht anders schmecken – nur anders heißen.

Dass ein „Neger“ sprachlich negativ besetzt ist, stimmt aber sehr wohl. Das war er schon ab dem Moment, in dem man ihn untrennbar mit der Hautfarbe besetzte und dann damit auf andere Bereiche des Lebens schloss. Als man den Begriff dazu nutzte um Menschen auszugrenzen, hat der jegliche positive Aussage verloren. Er gehört daher tatsächlich aus jedem Wortschatz geworfen, da der sich neben Ihrem geforderten zu erhaltenen Schaumkuss nur noch in dem Wortschatz von Rassisten befindet.

Ich hoffe noch immer auf den Tag, an dem solche Diskussionen der Vergangenheit angehören. Denn ab dann hat Diskriminierung die Chance, endlich aus unser aller Köpfe verschwinden können. Sprache ist aber auch immer im Wandel.